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Spannungsfeld Landschaftsgestaltung, Naturschutz / Nature Conservation:

Wald und Schalenwild in den Isarauen (2003-2004):

Philipp Mayer und Christina Bauer

Anlass, Abgrenzung des Bezugsgebietes

In den Isarauen zwischen Ismaning und Moosburg haben sich seit Mitte der 1980er Jahre zwischen der privaten Jägerschaft und der Staatsforstverwaltung (Forstamt Freising) erhebliche Spannungen aufgebaut. Die Jägerschaft nahm zunehmend Anstoß an den jagdlichen Methoden des Forstamts und beklagte eine übermäßige Reduktion der Rehe. Die Auseinandersetzungen mündeten im Jahr 2001 in eine Resolution von 18 Gemeinden und Jagdgenossenschaften, die sich Beschwerde führend an das Bayerische Staatsministerium ELF wandten. Daraufhin wurde die Jagd im Forstamt vorübergehend erheblich eingeschränkt. Im August 2002 wurde der Technischen Universität München (TUM), Fachgebiet Geobotanik, und dem Verein für Arten-, Umwelt- und Naturschutz Vauna der Auftrag zur Erstellung eines waldökologischen (TUM) und wildbiologischen (Vauna) Gutachtens für die Isarauen erteilt.

Das Gutachten bezieht sich i. W. auf das Rotwildgebiet Isarauen nach der Erweiterung im Jahre 2000. Bezugsgebiet des waldökologischen Teils ist der Isarauwald in diesem Gebiet. Der wildbiologische Teil schließt das gesamte gegenwärtige Verbreitungsgebiet des Rotwildes mit ein, also auch Zengermoos und Notzingermoos, sowie die zwei Distrikte Bruckberger Au und Schwarzau östlich von Moosburg. Aus praktischen Gründen wird das Bezugsgebiet eingeteilt in die Teile Süd (Ismaning bis Freising), Nord (Freising bis Moosburg) und Ost (östlich Moosburg).

Gewinn an Naturnähe

Die waldökologische Analyse stellt fest, dass der Isarauwald durch die Eingriffe in das Wasserregime seit über 100 Jahren viel von seiner ursprünglichen Dynamik eingebüßt hat. Größere Flächen werden von mittelalten, fremden Reinbeständen aus Fichte, Kiefer oder Hybridpappel eingenommen. Die Standortverhältnisse sind für die Forstwirtschaft auf dem größten Teil der Isarau gut. Die Forstverwaltung hat sich dennoch von den weniger produktiven Standorten zurückgezogen. Sie richtet sich heute nach den Grundsätzen der naturgemäßen Waldwirtschaft und überlässt größere Flächen einer freien, natürlichen Entwicklung. Bei der Beurteilung der Wald-Wild-Verhältnisse stützt sich die Analyse hauptsächlich auf die Forstinventur (ca. 1.200 Aufnahmepunkte im Staatswald), ferner auf das Vegetationsgutachten und auf eigene Erhebungen in gezäunten bzw. nicht gezäunten Flächen. Die Forstinventur stellt hohe Verjüngungsvorräte (> 8.000 unverbissene Pflanzen pro ha) in den vier südlichen Distrikten fest (Teil Süd, Teile von Teil Nord), geringe (< 5.000 unverbissene Pflanzen) in den vier östlichen Distrikten (Teile von Teil Nord, Teil Ost). Das heißt: Im aktuell von Rotwild besiedelten Teil ist der Zustand der Verjüngung deutlich besser als im aktuell rotwildfreien Teil. Die Zeitreihe des Vegetationsgutachtens von 1986 bis 2000 stützt diese Befunde. Das mittlere Verbissprozent ist in der Hegegemeinschaft Freising (Teile Süd und Nord) von ca. 58 auf 22 (Laubholz) bzw. von 22 auf 2 (Nadelholz) zurückgegangen; in der HG Moosburg (Teil Ost) von 50 auf 20 (Laubholz) und bei Nadelholz tendenziell gleich geblieben. Der Verbiss ist im Teil Süd mit einer natürlichen Walderneuerung vereinbar. Im Teil Nord ist er an der Obergrenze für eine ausreichende Bestandserneuerung ohne Zaun. Im Teil Ost ist er zu hoch.

Massive Schälschäden im Teil Süd haben stellenweise eine Auflichtung des Waldes zur Folge. Bei gleich bleibender Schälbelastung wird sich der Waldbestand an diesen Stellen punktuell bis kleinflächig auflösen. Dies ist aus ökosystemarer Sicht so lange nicht schädlich, als es sich auf kleinere Flächen beschränkt. Waldauflösung ist jedoch grundsätzlich nicht mit den gesetzlichen Vorgaben vereinbar. Die jagdlichen und waldbaulichen Maßnahmen des Forstamtes haben in den letzten Jahren entscheidend zu einer aus waldökologischer Sicht positiven Entwicklung der Verjüngung beigetragen. Auf Verbissschutzzäune kann fast durchweg verzichtet werden. Im Vergleich zu den frühen 1980er Jahren hat der Isarauwald an Naturnähe deutlich gewonnen. Er erfüllt zunehmend die gesellschaftlichen Anforderungen, die bei einer Leitbilddiskussion mit anderen Interessengruppen definiert worden waren. Aus Sicht der waldökologischen Analyse ist in den Teilen Süd und Nord keine weitere Reduktion des Rehbestandes erforderlich, wohl aber im Teil Ost. Ferner ist eine Auflösung der Rotwildkonzentration im Teil Süd erforderlich.

Ungleichmäßige Rotwildverteilung, hohe Rehdichten

Rückrechnungen aus den Jahresjagdstrecken legen nahe, dass das Rotwildgebiet Isarauen derzeit eine Population von etwa 300 Stück beherbergt, die sich ausschließlich im Teil Süd, also dem ehemaligen Rotwildgebiet mit Zengermoos aufhalten. Der neu hinzu gekommene Teil Nord ist rotwildfrei. Im Teil Süd konzentriert sich das Wild auf wenige Reviere und erreicht dort Bestandsdichten von zehn Stück pro 100 ha. Ferner lebt Rotwild in geringen Stückzahlen außerhalb des Rotwildgebietes im Notzingermoos. Offensichtlich ist die Populationsverbindung zwischen dem Isarauwald und dem Zengermoos abgerissen. Demzufolge muss man eigentlich von zwei kleinen, getrennten Populationen sprechen. Die Rehpopulation lässt sich nicht annähernd zahlenmäßig einschätzen. Die Jagdstrecken der letzten elf Jahre lassen weder in den staatlichen noch in den privaten Revieren eine Veränderung in der Populationsdichte erkennen. Dennoch ist auf Grund der nachlassenden Verbissbelastung davon auszugehen, dass die Population durch die intensivierte Bejagung in den Revieren des Forstamtes zurückgegangen ist. Gegenwärtig werden in den staatlichen Revieren in den Teilen Süd und Nord etwa zehn, im Teil Ost etwa sieben Rehe pro 100 ha erlegt. In den privaten Revieren kommen wesentlich weniger Rehe zur Strecke. Die Gründe für diese ungleiche Verteilung der Rehe liegen in der Habitatqualität. In den Feldrevieren, wo großflächig Mais angebaut wird und kaum mehr Strukturen wie Hecken, Feldgehölze oder Raine vorhanden sind, ist sie marginal. Hier finden Rehe nur wenige Monate im Sommer vorübergehend ein Auskommen. Der Auwald hat dagegen durch die forstlichen Maßnahmen der letzten Jahre – großflächiges Verjüngungsangebot, Extensivierung auf den weniger produktiven Standorten – an Qualität gewonnen. Er stellt einen nahezu idealen Ganzjahreslebensraum für Rehe dar und erlaubt sicherlich nachhaltige Jagdstrecken in der bisherigen Höhe. Allerdings ist die Bejagung durch die naturgemäße Waldwirtschaft auch schwieriger geworden. Die reichlich angekommene Verjüngung und der hohe Anteil an Sträuchern haben eine Änderung der jagdlichen Methoden hin zu Stöberjagden mit zahlreichen laut jagenden Hunden erzwungen. Diese Jagden verärgern die Jäger der Nachbarreviere.

Empfehlungen:
Rehe intensiv bejagen, Rotwild reduzieren und umsiedeln, Jagdzeit verkürzen

Das Rehwild muss auch in Zukunft intensiv bejagt werden, wenn die bemerkenswerten waldbaulichen Erfolge, die sich im Auwald eingestellt haben, nicht wieder verloren gehen sollen. In den staatlichen Revieren werden jährliche Abschüsse von etwa acht Stück pro 100 ha im Teil Süd (geringer als bisher) sowie etwa acht Stück pro 100 ha im Teil Nord (wie bisher) und zehn Stück im Teil Ost (höher als bisher) empfohlen. Die Jagd sollte in den staatlichen Revieren nur im Mai sowie von 1. November bis 15. Januar ausgeübt werden. Dies ergibt fünf Monate Jagdruhe in der Vegetationszeit. In der Hauptjagdzeit müssen sowohl Ansitzjagd mit Kirrung als auch Stöberjagden betrieben werden. Letztere sollen nicht öfter als zweimal pro Flächeneinheit erfolgen. Sie sind den örtlichen Verhältnissen entsprechend flexibel zu gestalten, d. h. mit wenig Hunden und Personal im Rotwildteil (Süd), mit vielen Hunden und mit viel Personal im Schwarzwildteil (Ost). Die Inhaber der privaten Nachbarreviere sollten frühzeitig von den Jagdterminen informiert und für die Mitwirkung an Reviergrenzen übergreifenden Jagden gewonnen werden. Im Übrigen sollten sie Rehwild ohne Beschränkung erlegen, weil es sich dabei ohnehin weitgehend um vorübergehende Zuwanderer aus den Auwaldrevieren handelt. Sie sollten sich um Verbesserungen des Agrarlebensraumes bemühen. Das Rotwild lebt derzeit in sehr hoher, waldunverträglicher Dichte ausschließlich im Teil Süd. Es sollte sich auf das gesamte Rotwildgebiet verteilen. Mit jagdlichen Maßnahmen ist dies jedoch nicht zu erreichen. Wegen der weit fortgeschrittenen Zerschneidung des Lebensraumes ist eine Besiedelung des Teils Nord, etwa durch Wild aus dem Notzingermoos, sehr unwahrscheinlich. Der Rotwildbestand sollte im Teil Süd innerhalb von fünf Jahren auf etwa zwei Drittel abgesenkt werden. Dazu müssen besonders starke Eingriffe in die Alttierpopulation erfolgen, um die räumliche Tradition zu lockern. Im Teil Nord sind bis auf weiteres keine Abschüsse von Rotwild vorzunehmen. Die Winterfütterung sollte zurückgenommen und schließlich eingestellt werden. Die privaten Jäger sollten ihre jagdlichen Aktivitäten auf Rotwild im Sommer ebenfalls verringern, damit die Jagdruhe auf der ganzen Fläche zum Tragen kommt.